
Die Blockade der Straße von Hormus treibt seit Ende Februar 2026 die Energiepreise weltweit. Für viele Unternehmen ist das ein Déjà Vu: Schon 2022, als russisches Gas ausblieb, stiegen die Strompreise innerhalb weniger Wochen auf ein Vielfaches des vorherigen Niveaus. Jetzt, vier Jahre später, derselbe Mechanismus – ein anderer Auslöser, dieselbe strukturelle Schwäche.
Rohstoffpreise unterliegen starken Preisrisiken. Wenige Regionen kontrollieren einen Großteil des Markts. Eine Meerenge ist die Importroute für einen ganzen Kontinent. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern lassen. Dennoch haben Unternehmen die Möglichkeit, ihre Abhängigkeit zu reduzieren – kurz- wie langfristig.
Geopolitische Schocks wie die aktuelle Hormus-Krise wirken sich so direkt auf den Strompreis aus, weil Gas- und Strompreis über das sogenannte Merit-Order-Prinzip gekoppelt sind. Obwohl Deutschland mittlerweile rund 56 % seines Stroms aus erneuerbaren Quellen erzeugt, sind wir bei Dunkelflauten, kalten Winterabenden oder schwachem Wind weiterhin auf Gas und andere fossile Energieträger angewiesen. Und genau in diesen Momenten bestimmen diese Energieträger den Preis.
Das Prinzip dahinter: Am Day-Ahead-Markt bieten Kraftwerke nach aufsteigenden Grenzkosten – Solar und Wind zuerst, Gaskraftwerke zuletzt. Das teuerste Kraftwerk, das noch gebraucht wird, legt den Marktpreis für alle fest - das sogenannte Merit-Order-Prinzip.
Ein kurzes Zahlenbeispiel: Deutschland braucht abends 70 GW, 60 GW kommen aus Erneuerbaren und Kohle, die letzten 10 GW aus einem Gaskraftwerk mit Grenzkosten von 120 €/MWh. Da es das teuerste noch benötigte Kraftwerk ist, wird sein Gebotspreis zum Marktpreis und diese Viertelstunde wird für alle Abnehmer zu 120 €/MWh abgerechnet. Sinkt der Gaspreis, sinken die Grenzkosten, sinkt der Marktpreis. Steigt er – aus welchem Grund auch immer –, steigt der Strompreis.

Deshalb treffen Preissprünge bei fossilen Energieträgern nicht nur die, die Gas verbrauchen, sondern alle, die Strom aus dem Netz beziehen. Die Energiewende löst dieses Problem langfristig, aber noch nicht heute. Wer Sicherheit auf der Kostenseite will, muss deshalb selbst handeln.
Zunächst gilt: besser keine überstürzten Entscheidungen treffen. In der Ukrainekrise 2022 haben viele Unternehmen in der Hochpreisphase Fixpreistarife zu 25–30 ct/kWh mit langen Laufzeiten abgeschlossen. Zum Teil zahlen sie diese bis heute, obwohl der Börsenstrompreis längst wieder deutlich gefallen ist. Dasselbe Muster droht sich zu wiederholen: Wer jetzt in einer Ausnahmesituation langfristig einkauft, sichert sich möglicherweise das falsche Niveau. Denn erfahrungsgemäß normalisieren sich Preisschocks wieder.
Was die aktuelle Lage stattdessen sinnvoll macht: die Zeit nutzen, um die richtigen Weichen für eine resilientere Zukunft zu stellen. Denn unabhängig vom nächsten Preisschock verändert sich der Strommarkt strukturell – und zwar zugunsten derer, die flexibel sind.
Denn die Preisspanne zwischen teuren und günstigen Strompreisstunden ist heute größer als je zuvor. 2025 gab es an der Strombörse 573 Stunden mit negativen Preisen – über 100 mehr als im bisherigen Rekordjahr 2024. Besonders die Mittagsstunden sind strukturell günstig, dort nähert sich der Börsenpreis wegen starker Photovoltaik-Einspeisung regelmäßig der Nullmarke. Abend- und Morgenstunden bleiben dagegen teuer.
Das ist auch während der aktuellen Krise noch der Fall, wie man beispielhaft an den Spotmarktpreisen vom Donnerstag, den 26. März erkennen kann: Am Peak um 17:45 Uhr zahlte man zwar über 10 Cent für die Kilowattstunde an der Börse, über die gesamte Mittagszeit sind die Strompreise aber auf Null.

Die Frage, die sich daher jedes Unternehmen stellen sollte: Welche Prozesse lassen sich grundsätzlich in günstige Stunden verlagern? Produktionsschritte mit hohem Strombedarf, Kühl- oder Pumpsysteme, Ladevorgänge für Fahrzeuge, oft gibt es mehr Spielraum als zunächst angenommen. Wer diese Flexibilität kennt und aufbaut, ist kurz- und mittelfristig in einer deutlich besseren Position.
Wer an der Beschaffungsstrategie akut etwas ändern möchte, fährt mit einer Kombination aus PPAs, Lastbändern und Terminmarkt am besten. Klassische Festpreisverträge erkaufen Planungssicherheit mit hohen Aufschlägen und sind gerade in Hochpreisphasen besonders teuer. PPAs und Lastbänder hingegen sind günstiger, weil sich der Abnehmer zur Abnahme zu bestimmten Zeiten verpflichtet – ein Zugeständnis, das Erzeuger und Händler mit niedrigeren Preisen honorieren. Wer seine Grundlast darüber absichert und den Rest flexibel über den Terminmarkt beschafft, kombiniert Planungssicherheit mit wirtschaftlicher Effizienz.
Flexibilität ist ein guter Anfang. Wer sich dauerhaft vom fossilen Preisrisiko entkoppeln will, braucht aber drei Bausteine:
Jede Kilowattstunde, die aus der eigenen Solaranlage kommt, muss nicht am Markt beschafft werden. So sinkt die Abhängigkeit von Preisschwankungen. Eine PV-Anlage auf dem Betriebsdach erzeugt Strom ohne Grenzkosten, die nichts mit dem Gaspreis oder der Lage im Persischen Golf zu tun haben. Bei der Auslegung gilt: Die optimale Anlagengröße ergibt sich aus dem Verhältnis von Einsparungen zu Kosten – also aus der Frage, wie viel günstig erzeugter Strom tatsächlich den teuren Netzbezug ersetzt.
Auch ohne eigene Investition ist das möglich: Über ein Contracting-Modell übernimmt ein Dienstleister Planung, Installation und Betrieb der Anlage auf dem eigenen Gelände – der Betrieb zahlt nur für den erzeugten Strom zu einem fixen Preis. Der Marktpreis wird damit für einen wachsenden Teil des Verbrauchs schlicht irrelevant.
Der Markt sendet klare Preissignale – wer auf sie reagieren kann, profitiert. Ein Gewerbespeicher ist dafür das zentrale Instrument: Er lädt in den günstigen Mittagsstunden, wenn Solar die Preise drückt, und entlädt abends, wenn die Preise steigen. So lässt sich der Tagespreisunterschied systematisch ausnutzen, ohne Produktionsprozesse umstellen zu müssen. Gleichzeitig können Speicher die Lastspitze kappen, was Netzentgelte spart – ein Effekt, der unabhängig von der aktuellen Marktlage greift.
Auch hier gilt: Investitionskosten müssen kein Hindernis sein. Wer den Speicher nicht selbst betreiben will, kann auf ein Energy-as-a-Service-Modell setzen, bei dem Dienstleister Installation, Betrieb und Optimierung übernehmen und sich im Gegenzug an den erzielten Einsparungen beteiligen.
Noch volatiler als der Strompreis sind die Preise fossiler Energieträger selbst. Öl, Gas, Diesel – sie alle reagieren auf dieselben geopolitischen Schocks, die gerade wieder sichtbar werden. Wer Wärme, Mobilität oder Produktionsprozesse auf Strom umstellt, entzieht sich diesem Risiko langfristig. Der Schritt erhöht kurzfristig den Strombedarf, senkt aber das Gesamtenergierisiko des Betriebs, vor allem, wenn die eigene Erzeugungskapazität mitwächst.
Die Nahostkrise scheint wie ein Ausnahmezustand, ist aber eigentlich nur eine weitere Erinnerung, dass fossile Energieträger systematische Risiken bergen, die sich in unregelmäßigen Abständen entladen. Der Auslöser wechselt, der Mechanismus bleibt derselbe.
Unternehmen, die sich strategisch positionieren wollen, sollten die aktuelle Lage nicht als Ablenkung behandeln, sondern als Anlass. Die Technologien für mehr Unabhängigkeit sind verfügbar und wirtschaftlich. Was fehlt, ist oft nur der erste Schritt – idealerweise bevor der nächste Schock kommt.